Rolf De Marchi

April 27, 2014

Jazzfestival Basel mit grosser Vielfalt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:45 pm

Mit dem Gitarren-Duo Sylvain Luc/Philip Catherine, dem Gitarristen Nguyên Lê, der Sängerin Lisette Spinnler und der Drummerin Marilyn Mazur belegte das Jazzfestival Basel 2014, wie vielfältig Jazz heute sein kann.

Ohne Hast, zart und dezent stieg das Duo Sylvain Luc und Philip Catherine ein in sein Konzert, das unter dem Motto «Guitar Night» im Rahmen des Jazzfestival Basel 2014 im Festsaal des Volkshaus Basel über die Bühne ging. Lyrisch ausbalanciert gestalteten die beiden Gitarristen den Jazz-Klassiker «On Green Dolphin Street». Mal modulierte Sylvain Luc ein paar Phrasen des raffiniert arrangierten Themas, durchbrochen mit ausladenden Ausschmückungen seines Compagnons, dann wiederum übernahmen Catherine den Lead, kommentiert durch geschwungene Tonketten von Sylvain Luc. Schliesslich ging das mit Sensibilität gestaltete Thema in einen swingenden Groove über, über den die beiden Musiker sich gegenseitig begleitend ihre Solos zu gestalten begannen.
Hier nun traten die unterschiedlichen musikalischen Haltungen der beiden Musiker zu Tage. Der 1965 in Bayonne geborene, heute in Paris lebende Franzose Sylvain Luc überzeugte vor allem durch seine stupende Fingerfertigkeit, mit der er virtuos durch unterschiedlichste Linien und Skalen jagte. Mehr noch aber überraschte der mittlerweile 72jährige belgische Gitarrist Philip Catherine. Virtuose Fingerakrobatik schien ihn weniger zu interessieren, er konzentrierte sich mehr auf Melodielinien, die er immer wieder durch überraschende Wendungen, Intervallsprüngen und originellen Sequenzabstufungen aufbrach. Selten hatte man Philip Catherine so kreativ und ausgereift improvisieren gehört. Altersgereift schein dieser Musiker seinen innersten musikalischen Kern gefunden zu haben.
Den totalen Kotrast zu dieser sensiblen, kammermusikalischen Musik bekam das Publikum im Volkshaus Basel nach der Umbaupause zu hören. Der 1959 in Paris geborene Gitarrist mit vietnamesischen Wurzeln Nguyên Lê spielte mit seiner fünfköpfigen Band kompromisslos rockigen Fusion-Jazz im Stile der 1970er-Jahre, der dank Einsatz von Computern aktualisiert modern wirkte. Zwar gab es auch hier gelegentlich ruhige, stimmungsvolle Momente in Stücken wie etwa in Stevie Wonders «Pastime Paradis» oder Bob Marleys «Redemption Song», wo atmosphärische Sounds mit schrägen Computer generierten Einwürfen durchbrochen wurden, im wesentlichen aber dominierten Rockklassiker wie etwa Led Zeppelins «Black Dog» oder der Beatles-Song «Come Together», über deren harten, rockigen Grooves Nguyên Lê auf seiner Gitarre wilde, chromatisch aufgepeppte Skalen und Arpeggien legte.

Bilderbuch-Jazz

Wesentlich gepflegter ging es dann am folgenden, unter dem Motto «The Women’s Power» stehenden Abend mit Lisette Spinnlers New Quintet weiter. Die Band spielte vorwiegend Eigenkompositionen im Stil des klassischen Modern Jazz und des brasilianischen Bossa Novas. Ein Teil der Songs interpretierte die in Basel geborene Lisette Spinnler in einer von ihr entwickelten, vom Scat-Gesang des Jazz beeinflussten Fantasie-Sprache, bei anderen setzte sie auf die Ausdruckskraft von Gedichten der englischen Schriftstellerin Emily Brontë.
Hervorragend gespielt lud dieser nach allen Regeln gestrickte Bilderbuch-Jazz zum zurücklehnen und geniessen ein. Einige Kanten setzte der Posaunist Adrian Mears mit ein paar dynamisch gemeisselten Solos, während die Leaderin des Quintetts Lisette Spinnler sich bemühte, mit klangschöner Stimme Ton für Ton präzise zu setzten.
Liebhaber eher kantigeren, auch den Intellekt herausfordernden Sounds dürften beim zweiten Act des Abends mehr auf ihre Kosten gekommen sein. Die 1955 geborene dänische Schlagzeugerin Marilyn Mazur brachte mit ihrem Quartett «Celestial Circle» spannungsgeladene Kompositionen mit vielfältigen Sounds und Stimmungen zu Gehör. Vielfältige Instrumentierung sorgte für Abwechslung und Themen waren oft farbenreich zweistimmig arrangiert. Mit plastischer Stimme und reichem vokalem Spektrum interpretierte die Sängerin der Band Josefine Cronholm: mal weich, mal hart, mal hell, mal dunkel. Und die Leaderin der Band Marilyn Mazur, umgeben von mehreren Gestellen vollgehängt mit einer Vielzahl an Glöckchen, Gongs und unterschiedlichsten Schlaginstrumenten, spielte mit rhythmischer Raffinesse, die ihresgleichen sucht. Sie bewies eindrücklich, dass sie einst in den 1980er-Jahren zu Recht vom Jazz-Grossmeister Miles Davis für mehrere Jahre in seine Band geholt worden war.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung BZ

April 13, 2014

Ein musikalisches Chamäleon

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:10 pm

Neben Ross Bon and the Mighty Blue Kings mit Saxophonist Sam Burckhardt bildete die Musiklegende Allen Toussaint einer der Höhepunkte des Blues Festival Basel 2014.

Was beim Auftritt des US-amerikanischen Musikers Allen Toussaint im Rahmen des Blues Festival Basel 2014 im Festsaal des Volkshauses Basel am meisten überraschte, war die ungemein jugendlich klingende, silbrige Stimme des Sängers und Pianisten. Wenn man ohne Vorkenntnisse und mit geschlossenen Augen den Saal betreten hätte, hätte man das Alter des Sängers vermutlich auf kaum mehr als 40 Jahre geschätzt. Allen Toussaint aber ist 76 und er spielte an diesem Abend mit einer Energie, die viele wesentlich jüngeren Musiker vermissen lassen.
Mit weissem Kraushaar, gekleidet in einem schreiend buntfarbigen Jacket sass der aus New Orleans stammende Musiker am Piano und spielte eine Vielzahl unterschiedlichster Songs, die er oft medleyartig ineinander verschachtelte. Dabei wechselte Toussaint einem Chamäleon gleich immer wieder die musikalische Stimmung. Mal schmückte er sein Pianospiel mit Tongirlanden aus, die an Salonmusik der 1920er-Jahre erinnerten, dann wiederum liess er kurze Motive aus Klassik und Jazz aufblitzen, um wenig später Anklänge an Filmmusik der frühen Stummfilmzeit aus der Tasten zu zaubern. Die fundamentale Basis für all diese stilistischen Ausschweifungen aber bildete der einzigartigen Sound von New Orleans mit seiner Vielzahl an kulturellen und musikalischen Einflüssen von Jazz, lateinamerikanischer Musik, Blues, Rock ’n’ Roll, Zydeco und der Cajun Musik. Und in diesem Zusammenhang durfte da natürlich auch das alljährlich stattfindende, zentrale Ereignis von New Orleans nicht fehlen, der Karnevalsdienstag Mardi Gras, dem Toussaint gleich mit mehreren aufgestellten Songs huldigte.
Hatte Allen Toussaints auf liebenswerte Weise etwas altmodisch klingende Musik an diesem Abend vorwiegend die älteren Semester angesprochen, fand die anschliessend auftretende Sängerin Jessy Martens aus Hamburg mit ihrer Band offenbar eher bei den Jüngeren im Publikum Anklang. Mutete die stilistische Vielfalt bei Toussaint belebend an, wirkte das Pendeln Jessy Martens zwischen swingendem Jazz, Funk, Blues und Rock etwas flach und ziellos.

Dynamischer Chicago-Blues

Der darauffolgende letzte Abend des Blues Festival wurde vom österreichischen Gitarristen, Sänger und Komponisten Norbert Schneider eröffnet. Der gebürtige Wiener hat sich darauf spezialisiert, Bluesstücke mit Texten im Wiener Dialekt zu schreiben. Schneider und seine Band agierten Spieltechnisch auf einem sehr hohen Niveau, wobei man allerdings gelegentlich das Gefühl bekam, Schneider seien seine mit unheimlich schnellem Tempo über das Brett rasenden Finger wichtiger als die Musik.
Last but not least hatte der mittlerweile fast schon zum Maskottchen des Blues Festival Basel mutierte Heimwehbasler Sam Burckhardt noch seinen Auftritt. 1981 hatte sich der aus dem Basler ‚Daig’ stammende Musiker sein Tenorsaxophon unter die Arme geklemmt und ist in die Blues-Stadt Chicago ausgewandert, wo er bis heute lebt und wirkt. Und wie die vergangenen Jahre hatte ‚Sämi’ auch diesmal eine tolle Band aus der Windy City im Schlepptau: Ross Bon and the Mighty Blue Kings.
Nach dem relaxed gespielten Jazz-Klassiker «Mercy, Mercy, Mercy» wechselte die Band schnell zum dynamischeren Chicago Blues. Dazwischen eingestreut waren auch immer wieder jazzig swingende Stücke zu hören wie etwas Sam Burckhardts «Honey Child Jump», in dem der Saxophonist ein längeres Solo in der Honker-Tradition eines Illinois Jacquet spielen konnte.
Als keines Supplement hatte die Band noch zwei Tanzpaare mitgebracht, die vor der Bühne einen Jive aufs Parkett legten, jenem Tanzstil, der seine Ursprünge in der Swing-Ära der 1930er-Jahre hat. Das Unterfangen erwies sich allerdings als ziemlichen Schuss in den Ofen, hatten die Tänzer zwischen der Bühne und den eng anschliessenden Tischen der Festival-Promotoren kaum Platz, ihren ausladenden Tanzstil richtig auszuleben.

April 10, 2014

Alle Jahre wieder

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:55 am

Neben der Verleihung des Swiss Blues Award dominierte mit Richard Koechli und Philipp Fankhauser am zweiten Abend des Blues Festival Basel 2014 der Schweizer Blues. Wirklich?

Am zweiten Abend des Blues Festival Basel 2014 im Volkshaus Basel gab es zwei Überraschungen: Die erste war der Gewinner des alljährlich am Blues Festival Basel verliehenen Swiss Blues Award. Drei Nominierte standen zur Auswahl für den Preis: die Luzerner Bluesband «Bluecerne», die vor zwei Jahren am Blues Festival Basel die «Swiss Talent Blues Night» gewonnen hatte, dann der Veranstalter Martin «Kari» Bründler, der zusammen mit einem grossen Team von Freiwilligen in Luzern alljährlich das renommierte Lucerne Blues Festival auf die Beine stellt und schliesslich der stille Schaffer im Hintergrund, der in Fronarbeit schreibende Musikjournalist Rolf Winter, der seit Jahren auf der eigenen Website «Das Schweizer Bluesportal» im Internet äusserst kenntnisreich über das Bluesgeschehen im In- und Ausland berichtet. Irgendwie hatte man im Vorfeld des Festivals fest mit Martin Bründler gerechnet. Um so erfreuter war man, dass der Regierungspräsident des Kantons Baselland Urs Wüthrich dem sichtAlich gerührten Rolf Winter den Swiss Blues Award überreichen durfte. Rolf hat ihn wahrlich verdient, diesen Preis. Wir gratulieren!
Doch kommen wir zur zweiten Überraschung dieses Abends. Nein, es war nicht der Schweizer Bluesmusiker Richard Koechlin mit seiner «Blue Roots Company», der mit seiner Band den musikalischen Rahmen für die Preisverleihung bot. Richard Koechlin hat sich ohne Zweifel um den Blues verdient gemacht. Er stand als Partner von Blues Max auf der Bühne und widmet sich seit vielen Jahren der Pflege des traditionellen Blues. Das Spiel der Band auf der Bühne des Volkshause allerdings wirkte ein wenig matt und kraftlos. Richard Koechlis Gesang war ok und sein Gitarrenspiel konnte sich hören lassen, das alles entscheidenden Herz dieser Musik aber, die Rhythmusgruppe, schlug schwach und ohne den nötigen Druck.
Und der zweite Act, der an diesem Abend spielte, der Liebling der Schweizer Medien, der mittlerweile den Staus eines Schweizer Rockstars erlangt hat, der aus Thun stammende Philipp Fankhauser? Der Bluessänger und Gitarrist war letztes Jahr am Blues Festival Basel zu Gast, vor zwei Jahren, vor drei Jahren, vor fünf Jahren (haben wir ein Jahr vergessen?)…., wirklich viel Neues konnte man da wohl kaum erwarten. Natürlich spielte Fankhauser und seine Band wie gewohnt auf hohem technischem Niveau, kein Zweifel, aber überraschend war das nicht. Höchstens vielleicht, dass Fankhauser seit längerem mal wieder mit einem Bläsersatz in Basel aufgekreuzt war.
Man lehnte sich also schon zurück und glaubte, der Abend sei gelaufen, da kam sie doch noch, die Überraschung: Philipp Fankhauser holte spontan für ein paar Stücke den afroamerikanischen Bluesmusiker Lurrie Bell aus Chicago auf die Bühne, der unerwarteter Weise mit seiner Gitarre im Volkshaus aufgetaucht war. Der Mann wirkte wie ein Elektrostoss, der durch Fankhausers Band ging, ein Katalysator, der die Musik zum Sprühen brachte. Es schien als wenn die Sonne durch eine dichte Wolkendecke stiess und alles mit Licht überströmte. Mit seiner unvergleichlichen Stimme, mit seinem phänomenalen Gitarrenspiel und seiner unglaublichen Präsenz auf der Bühne bewies Lurrie Bell einmal mehr, wo in puncto Blues der Hammer hängt, wo Bartli letztlich den Most holt.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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