Rolf De Marchi

Mai 11, 2014

Ein fulminantes Ende

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:13 pm

Mit Acts wie der italienische Pianist Stefano Bollani, der französische Kontrabassist Renaud Garcia-Fons oder die portugiesische Fado-Sängerin Ana Moura schloss das Jazzfestival Basel 2014 mit einer grossen stilistischen Bandbreite.

«Rhapsody in Blue», «Imagine», «Romagna mia», «Something», «Vieni via con me»: Ein Musiktitel nach dem anderen wurde aus dem Publikum dem italienischen Pianisten Stefano Bollani auf der Bühne im Weindepot Basel auf dem Dreispitzgelände zugerufen; der gute Mann kam mit dem Notieren der Titel kaum nach. Bollani hatte am Ende seines Solokonzerts das Publikum dazu aufgefordert, ihm für die Zugabe zehn Musiktitel zu nennen, die er dann anschliessend mit verblüffender Souveränität spontan zu einem reichhaltigen Medley voller überraschenden Wendungen zusammenstellte. Zuvor war der Pianist aus Mailand seinem Ruf, nicht nur ein genialer Pianist, sondern auch ein begnadeter Alleinunterhalter zu sein, voll gerecht geworden. Im Unterschied zu vielen anderen europäischen Jazzpianisten wirkte sein Pianospiel wenig abgehoben und vergeistigt sonder eher zupackend, rhythmisiert, in puncto Harmonieverbindungen ‚schwarz’. Zusätzlich sprühte Bollanis Musik vor Esprit und Intelligenz, dass es fast schon unheimlich war.
Was dieses Konzert zusätzlich zu einem Event der Extraklasse machte, war die Tatsache, dass auch die Lachmuskeln voll auf ihre Kosten kamen. Meist spielte Stefano Bollani hoch konzentriert, gelegentlich aber ging sein Temperament mit im durch und er packte seinen Pianostuhl, um diesen als Schlagzeug einzusetzen, indem er in auf den Boden schlug. Mal machte sich sein linkes Bein selbständig und begann, laut den Rhythmus zu klopfen oder er rief «Schlagzeugsolo» und startete im Innern des Flügels ein wildes Schlagen und Klopfen. Am meisten zum Lachen aber reizte das unbeschreiblich komische Mienenspiel, mit dem der Pianist seine Darbietungen gelegentlich begleitete. Stefano Bollani erwies sich als Entertainer der Extraklasse.

Eine musikalische Tour rund um das Mittelmeer

Ein weiterer Höhepunkt am Ende des Jazzfestivals fand mit einem Solokonzert des französischen Kontrabassisten Renaud Garcia-Fons in der Dorfkirche Riehen statt. Garcia-Fons hat in den vergangenen Jahren am Jazzfestival Basel schon mehrmals seine ausserordentliche Kreativität unter Beweis gestellt. In bester Erinnerung ist sein Auftritt 2011, wo er im Stadtcasino Basel mit seinem Sextett die Filmmusik zum Trickfilmklassiker «Die Abenteuer des Prinzen Ahmed» von Lotte Reiniger aus den 1920er-Jahren gestaltete.
Zu seinem aktuellen Auftritt in der Dorfkirche Riehen hatte Renaud Garcia-Fons seine letzte CD «The Marcevol Concert» im Gepäck, die er 2012 in einem Kloster in den Pyrenäen eingespielt hatte. Wie auf der CD spielte der Musiker auf einem speziell seinen Bedürfnissen angepassten fünfsaitigen Bass, der ihm spezielle Spieltechniken und einzigartige Klänge ermöglicht. Zusätzlich erweiterte der Bassist seine Möglichkeiten noch durch dezenten Einsatz vorbereiteter Loops, die er mittels eines Fusspedals auslöste.
Renaud Garcia-Fons ist musikalisch tief im mediterranen Kulturraum verwurzelt. Mal spielte er sein Instrument tief wie ein klassischer Kontrabass, dann wiederum schlug er auf die Saiten, so dass man glaubte, die arabische Kurzhalslaute Ud zu hören. Eingeschoben immer wieder Partien, wo der Musiker die Saiten mit dem Bogen strich und das Instrument gleich einer Viola da Gamba singen liess. Er schlug seinen Bass wie ein Flamenco-Gitarrist um wenig später Papier unter die Saiten zu schieben, so dass er wie das afrikanische Lamellenklavier Kalimba tönte. Dem Ideenreichtum und der spielerischen Souveränität dieses Ausnahmemusikers waren keine Grenzen gesetzt.
Am letzten Abend setzte die portugiesische Fado-Sängerin Ana Moura den Schlussstein des Jazzfestivals Basel 2014. Auch wenn Ana Moura mit ihrer Gesangskunst nicht ganz an die Meisterin des Fado Mariza heranreichte, die 2010 an der AVO-Session zu hören war, machte es Freude, ihr zuzuhören. Mit dunkler, modulationsfähiger Altstimme interpretierte die Sängerin mit reichhaltiger Stimmpalette vorwiegend Lieder ihrer letzten CD «Desfado» (2012). Warm wie ein Angoraschal umschloss die Begleitband die Stimme der Sängerin mit einem zart pulsenden Sound, während Angelo Freire mit seiner portugiesischen Gitarre den Gesang mit silbern perlenden Tonketten einhüllte.
Nur ein Schatten war zu verzeichnen, als die Sängerin auf Englisch zu singen begann, was für eingefleischte Fado-Aficionados im Publikum ein no go gewesen sein dürfte. Das war wohl eher ein psychologisches Problem, spielte die Band und sang Ana Moura auf gleiche Weise weiter wie vorher, nur eben die Sprach änderte sich. Und prompt wirkte die Musik unecht, wie nette, etwas banale Popmusik. Doch bald wechselte die Sängerin wieder zurück zum authentischen, runden portugiesischen Idiom ihrer schönen Heimat und die Welt war wieder in Ordnung.
Last but not least sei dem offbeat-Team rund um dessen künstlerischen Leiter Urs Blindenbach, das das Festival organisiert hat, ein grosses Kränzlein gewunden. Schon lange ist es her, dass das Team so viele neue Gesichter an das Festival geholt hat. Diese Blutauffrischung hat sehr gut getan und auf die Zuschauerzahlen scheint dies keinen negativen Einfluss gehabt zu haben. Bitte, bitte weiter so, dann wird dem Festival auch in Zukunft Erfolg beschieden sein und man muss nicht befürchten, dass dieser tolle Event irgendwann mal mangels Blutauffrischung wegen Inzucht absterben wird.

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:12 pm

Mai 4, 2014

Musikalisches Plädoyer für religiöse Toleranz

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:48 pm

In der «African Night» präsentierte das Jazzfestival Basel 2014 den aus Mali stammenden Gitarristen und Sänger Vieux Farka Touré mit seinem dynamischen Quartett.

Fast schon magisch waren sie, jene Momente, in denen das Quartett rund um den malischen Gitarristen und Sänger Vieux Farka Touré in seinem Konzert im Rahmen des Jazzfestival Basel 2014 in der Reithalle der Kaserne im Kleinbasel einen weich rollenden Funk-Groove mit immer grösserer Intensität vorantrieb. Zum einen der Percussionist Dra Diarra, der mit seinen Fingern auf einer halbierten, medizinballgrossen Kalebasse dezente, oft metrisch gebrochene Beats tippte und so quasi das pulsende Herz dieser Musik formte. Zum anderen der Bassist der Band, Valess Assouan, der mit seinem klar konturierten Bass-Spiel das stabilisierende Skelett in das musikalische Geschehen einzog. Gleichsam die Muskeln dieses Klangstrom, die melodische Rhythmisierung steuerte der Musiker Dialimory mit seiner aus Mali stammende Langhals-Laute N’goni bei, deren silbern hell flirrenden, rhythmisch akzentuierenden Tonketten der Musik Raum verschufen. Nicht zuletzt der kleinen N’goni mit ihrem sphärisch transparenten Klang war es zu verdanken, dass die zur rollenden Einheit verschmolzene Band wiederholt fast schon meditative Zustände heraufbeschwor. Für die nötige Energiezufuhr war nicht zuletzt der Bandleader Vieux Farka Touré zuständig, der mit seinem nuancierten, intensiven Gitarrenspiel wesentlich zur treibenden Dynamik dieser Musik beitrug. Die eigentliche Seele dieser Musik aber bildete die Stimme des Bandleaders Vieux Farka Tourés. Mit ihr trug der Sänger Songs vor, die sich zwar meisten in dunklem Moll bewegten, die aber dank spritziger Rhythmisierung dennoch heiter und beschwingt rüberkamen.
Die meisten seiner Songs schreibt Sänger Vieux Farka Touré selber. Dabei vermischte er geschickt die in seiner afrikanischen Heimat Mali verwurzelte Folk Musik mit seinen typischen Afrorhythmen mit Einflüssen westlicher Musikstilen wie Blues, Funk und Rock. Meist in der Sprache seiner Heimat besingt er die Schönheit Malis, aber auch die Probleme des Landes wie etwa der Bürgerkrieg zwischen den Tuareg, Al-Qaida und den Truppen der malischen Regierung. Dabei plädiert der gläubige Muslim in seinen Songs für das, was seiner Meinung nach der Koran lehrt: für Toleranz und Nächstenliebe sowie für den Schutz der vielfältigen, reichen Kultur seiner Heimat Mali vor sinnloser Zerstörung durch falsch verstandenen, religiösen Fanatismus.
Schliesslich wechselte der Percussionist der Band von der Kalebasse zu den Drums, wodurch die Musik noch mehr Druck erhielt. Auch wenn das afrikanische Element immer noch präsent war, kam jetzt der Funk voll zu seinem Recht. Zusätzlich wurde Vieux Farka Tourés Gitarrenspiel härter und es gab Momente, wo man begriff, warum der Gitarrist von Musikkritikern das Prädikat «Jimi Hendrix von Afrika» verpasst bekommen hat. Während die Band mit immer mehr Dynamik rollende Funk- und Rock-Grooves vorantrieb, liess der Gitarrist sein Instrument mit stahlhartem, durch Verzehrer zusätzlich dynamisiertem Sound aufheulen, so dass Vieux Farka Tourés seinem grossen amerikanischen Vorbild Jimi Hendrix alle Ehre machte.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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