Rolf De Marchi

Februar 27, 2017

Humor als Katalysator

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:27 am

Die Riviera Jazz Connection überzeugte nicht nur musikalisch, sie gewann ihr Publikum auch durch Humor und Charme.

Für gute Musik ist Humor keine zwingende Vorraussetzung. Schaden tut er aber auch nicht, im Gegenteil, er kann sogar als Katalysator dienen. Dass diese Behauptung stimmt, bewies die Jazzband Riviera Jazz Connection anlässlich eines Konzertes im Schützen Kulturkeller in Rheinfelden. Mit ihrer erfrischend humorvollen Art eroberten die sechs Musiker die Herzen ihres Publikums im Fluge. Der Abend wurde vom Verein “Ja-ZZ“ durchgeführt, der schon seit Jahren im Schützen Kulturkeller als Konzertveranstalter Gastrecht geniesst.
Die Riviera Jazz Connection wurde 2005 in Montreux gegründete und hat sich auf den klassischen Jazz des frühen 20. Jahrhunderts spezialisiert. New Orleans, Charleston, Blues und Swing hin bis zum Creole Jazz finden Eingang in ihr Repertoire. Dabei bemüht sich die Band, weniger ausgetretene Pfade zu beschreiten und nicht die immer gleichen Stücke ihrer grossen Vorbilder zu spielen. So spielte die Band von Louis Armstrong etwa das weniger bekannte „Mac The Knife“ oder das selten zu hörende „Ce monsieur qui parle“ von Sidney Bechet.
Besonders gelungen aber waren von der Band selber erstellte Arrangements wie etwa das Walliser Volkslied „La haute sur la montagne“, das die Band mit einem kräftigen Schuss Latin-Sound aufmischte. Gut gewürzt mit humorvollen Glossen und kleinen, slapstickartigen Gesangseinlagen spielte die Connection dieses populäre Volkslied. Dabei kamen auch die musikalischen Aspekte nicht zu kurz: Bassist Patrick Perrier und Schlagzeuger Gianni Solinas legten die solide Basis, Pianist Paul Kapp und Gitarrist und Banjospieler Pierre Ponnaz setzten das stützende harmonische Gerüst und die beiden Solisten - an der Trompete und dem Flügelhorn Denis Michel sowie auf der Klarinette und den Saxophonen Marc Sturzenegger - gaben der Musik der Riviera Jazz Connection Substanz und architektonisches Raffinement.

Februar 23, 2017

Eine Stimme wie ein Truck

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:48 am

Die rührige Basler Konzertvereinigung Groove Now präsentierte im legendären Basler Restaurant Atlantis «The Blues Giants» mit dem Sänger Sugaray Rayford, den Gitarristen Mike Zito und Albert Castiglia, dem Bassisten Willie J. Campbell und dem Drummer Jimi Bott.

«This is not a concert, this is a party!» Diesen Satz rief Bluesmann Sugaray Rayford mehrmals in den Raum des vollbesetzten Basler Restaurant Atlantis. Und das Publikum nahm sich dies zu Herzen, beziehungsweise in die Beine. Wie einst in den grossen Tagen des «Tis» stieg die Stimmung und das Konzert von «The Blues Giants» entwickelte sich tatsächlich mehr und mehr zu einer Party.

Doch schön der Reihe nach: Seit ein paar Jahren organisiert «Groove Now» hochstehende Konzerte mit Hauptgewicht Blues und Soul in Basel. Anfänglich gingen die Konzerte im Sudhaus Warteck über die Bühne, dann wechselte der Veranstalter in den grossen Saal des Volkshauses Basel. Dieser Saal überzeugt zwar durch seine gute Akustik, seine kühle, etwas distanzierte Atmosphäre aber kommt dem Blues nicht gerade entgegen, schreit dieser Musikstil doch förmlich nach Intimität und Geborgenheit einer Bar oder eines überschaubaren Musikclubs.

Kein Ort in Basel ist besser geeignet für den Blues als das legendäre Atlantis. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte das «Tis», wie die Basler Musikfans dieses Lokal liebevoll nennen, seine Hochblüte als Musikclub und hatte unter Bands einen klangvollen Namen. Aus ganz Europa, ja selbst aus den USA strömten die Bands der damaligen Clubszene nach Basel, um im Tis zu spielen. Doch dann, in den 1990ern erfolgte der langsame Niedergang, bis der Club die Konzerte einstellte und zu einem Tanzschuppen degradiert wurde. 2007 keimte wieder Hoffnung auf. Das Lokal wurde renoviert und zum Restaurant und Eventlokal von heute umgestaltet.

Schliesslich hatte Groove Now die zündende Idee: Das Atlantis ist der ideale Ort für Soul und Blues, warum also nicht die Konzerte dort organisieren? Gedacht, getan. Groove Now und die Leitung vom Atlantis setzten sich zusammen und nach zähen Verhandlungen wurde man sich einig: Der Veranstalter verlässt das Volkshaus Basel und führt seine Konzerte ab Januar 2017 im Atlantis durch. Und da das Lokal wesentlich weniger Plätze zu Verfügung hat (maximal 250 Personen) als das Volkshaus (maximal 1′300 Personen), finden die Konzerte in Zukunft an zwei Abenden hintereinander statt, was übrigens für die Musikfans auch ihren Vorteil hat. Sie haben nun zwei Daten für den Konzertbesuch zur Verfügung, was eine grössere Flexibilität in der Agenda ermöglicht.

Seit Wochen schon fieberten die Liebhaber des Soul und Blues weit über Basel hinaus dem Eröffnungskonzert von Groove Now im Basler Restaurant Atlantis entgegen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Das für so ein Event nur das Beste vom Besen in Frage kommt, liegt auf der Hand: «The Blues Giants» mit dem Sänger Sugaray Rayford, den Gitarristen Mike Zito und Albert Castiglia, dem Bassisten Willie J. Campbell und dem Drummer Jimi Bott.

Welcher dieser Musiker wie viele Blues Awards gewonnen hat und wer mit wem, wie viele Male gespielt hat, damit wollen wir gar nicht erst anfangen, die Liste wäre schier endlos. Daher gleich zum Konzert: Die alles dominierende Figur auf der Bühne war ohne Zweifel Sänger Sugaray Rayford. Allein seine physische Präsenz ist phänomenal. Mächtig wie Berg, hüpfte und tänzelte der grosse, schwere Mann wiederholt über die Bühne und wackelte mit den Hüften wie es Elvis Presley nicht besser hingekriegt hätte. Und seine Stimme erst: Mächtig wie ein Truck, der auch auf engsten Landstrassen geschickt zu fahren versteht. Vor allem in den Soul-Balladen erreichte der Sänger mit seiner dunklen, ausdrucksvollen Stimme eine emotionale Tiefe, die ihresgleichen sucht.

An Rayfords Seite stand Mike Zito mit einem glasklaren Sound auf seiner Gitarre. Mit konzentrierter Präzision und stupender Fingertechnik setzte er seine intelligenten Riffs und Licks, wobei es ihm immer gelang, die Balance zwischen Technik und musikalischer Kreativität zu wahren.

Diese Ausgewogenheit zu finden, glückte dem zweiten Gitarristen auf der Bühne, Albert Castiglia weniger. Auch er ein begnadeter Fingertechniker, der sich allerdings öfters in seinen phänomenal schnell gespielten Wiederholungen von Figuren und Arpeggien verlor, worunter der emotionale Ausdruck zu leiden hatte. Zugegeben, «Less is more» ist ein Klischee, in dem aber ein grosses Körnchen Wahrheit steckt.

Für die Rhythmusgruppe mit Bassist Willie J. Campbell und Drummer Jimi Bott gibt es keinen Superlativ, der auch nur annähernd die Leistung dieser Musiker beschreiben könnte. Die Beiden spielten mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, dabei hoch konzentriert und flexibel, um jederzeit auf das Spiel ihrer Mitmusiker adäquat reagieren zu können.

Am Ende dieses gelungenen Abends verliessen 250 glückliche Basler Musikfans das Lokal. Nach zwei dunklen Dekaden hat das «Tis» zu seiner wahren Bestimmung zurückgefunden: Eines der besten Musiklokale der Schweiz zu sein!

Erschienen unter https://www.bluesnews.ch/

Februar 8, 2017

Der mit dem Bass tanzt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:28 am

Zusammen mit seinem Quintett verschmolz der Bassist Omer Avital gekonnt die Musik seiner Heimat Israel mit dem modernen Jazz.

Die meisten Musiker bewegen sich beim Spielen ihres Instruments, das ist an sich nichts ungewöhnliches. Dass aber ein Musiker mit seinem Instrument tanzt, ist doch eher die Ausnahme. Bei seinem Konzert im Schützen Kulturkeller in Rheinfelden, das vom Jazzclub Q4 organisiert wurde, tanzte der heute in New York lebende Israeli Omer Avital mit seinem Kontrabass und versprühte Lebensfreude. Dies hatte möglicherweise auch damit zu tun, dass im modernen Jazz, den das Quintett spielte, immer wieder orientalisch anmutende Motive auftauchten, die an Avitals Heimat Israel erinnerten. Aber auch der Klezmer, die beschwingte Musik des osteuropäischen Judentums war immer wieder präsent.
Omer Avital zur Seite standen vier Musiker, die auf absolutem Topniveau spielten. Mit Perfektion interpretierten die beiden Saxophonisten Asaf Yuria und Alexander Levin Stücke wie „Turkish Coffee“ oder „The Beauty and the Beast“. Ausgeklügelte Kompositionen waren das, bei denen die beiden Musiker mal zweistimmig zusammen spielten, mal sich gegenseitig raffiniert verzahnte Motive zuwarfen.
Nicht minder kreativ auch der Pianist der Band, Eden
Ladin, von dem man Akkordverbindungen und Harmonien zu hören bekam, die vermuten lassen, dass er nicht nur den Jazz gut kennt. Auch die Klaviermusik eines Robert Schumann oder eines Claude Debussy dürften ihm vertraut sein. Schlagzeuger Ofri Nehemya überzeugte vor allem durch Solidität. Mit klug gesetzten Akzentuierungen belebte er das rhythmische Geschehen, wobei er aber nie das Mass aus den Augen verlor.
Bandleader Omer Avital hatte mal in einem Interview erklärt, dass er Melodien liebe. Er tanzte nicht nur mit seinem grossen Bass, er brachte ihn auch zum Singen.

0.140 sekunden WP 1.5    xhtml css