Rolf De Marchi

Oktober 26, 2008

Sweet sounds

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:38 pm

Das Vokalensemble Cappella Nova brachte neue Chormusik mit Saxophon zu Gehör.

«…said the shotgun to the head.» lautete der Titel einer Komposition auf ein Gedicht des amerikanischen Poetry-Slammers Saul Williams, die der 1937 in Zürich geborene Schweizer Komponist Thomas Kessler 2003 realisiert hat und die unter anderem wegen ihrer eigenwilligen Besetzung für Poetry-Sprecher, Rap-Chor und Orchester auch international einige Beachtung fand. Hatte Kessler, der übrigens von 1973 bis 2000 an der Musikhochschule Basel Komposition und Musiktheorie unterrichtet hat, in diesem Werk ein bilderreiches Poem unserer schnellebigen Gegenwart eindrücklich vertont, wagte er sich in seiner neusten Komposition an einen Fels der Englischen Literatur, der in einer sehr fernen Zeit wirkte: William Shakespeare (1564-1616).
Raphael Immoos, Leiter des Vokalensembles Cappella Nova ist an Thomas Kessler herangetreten mit der Bitte, für seinen Chor Texte von William Shakespeare zu vertonen. Dabei sollte der Komponist auch das eigenwillige Saxophonspiel von Marcus Weiss miteinbeziehen, der an der Musikhochschule Basel Saxophon und Kammermusik unterrichtet und sich auf die Interpretation Neuer Musik spezialisiert hat. In einem eindrücklichen Konzert unter dem Motto «Shakespeare plus Sax» gelangte dieses Werk mit dem Titel «Sweet sounds» in der Gare du Nord zur Uraufführung.
Doch zuvor interpretierte Cappella Nova drei A-cappella-Werke: «Vokalise III» des deutschen Komponisten Boris Blacher, ein Stück, das auf spielerische Weise Tonmaterial verarbeitet, das Sängerinnen und Sänger verwenden, um ihre Stimme fit zu halten; «Nonsense», in dem der Italiener Gottfredo Petrassi Texte des englischen Nonsensautoren Edward Lear auf witzige Weise vertont hat, sowie «Songs of Ariel» von Frank Martin nach William Shakespeares «Der Sturm».
Eingeschoben zwischen diese Chorwerke spielte Marcus Weiss mehrere Stücke für Saxophon solo: «Zwischenlage» für Altsaxophon von Alfred Knüsel, eine dreiteilige, dichtgewobene Komposition voller anspruchsvoller Spieltechniken wie Überblasen, Mehrklänge, laute Klappengeräusche etc. sowie eine Werk für Sopransaxophon von Giorgio Netti, das sich vor allem mit verschiedenen Mehrklangkombinationen im Obertonbereich beschäftigte. Sehr eindrücklich auch die Miniatur «Intermezzi» von Marcus Weiss selber, eine innovative Studie über das False Fingering, dem Spiel gleicher Töne mit unterschiedlichen Klappenkombinationen, bei denen die Klangqualität und die Tonhöhen minim verändert werden.
Neben Mauricio Kagels «Burleske» für Saxophon und gemischten Chor, ein Werk voller Witz und skurrilem Humor wie man es von Kagel gewohnt ist, setzte schliesslich das anfangs erwähnte Chorwerk «Sweet sounds» von Thomas Kessler den Höhe- und Schlusspunkt des Abends. Überraschenderweise hatten alle Chormitglieder die unterschiedlichsten Musikinstrumente in ihren Händen, die sie recht gut zu spielen verstanden. Mit einzelnen Tönen auf dem Saxophon, die mit kurzen Zitatfetzen beantworte wurden, eröffnete Marcus Weiss das Stück. Immer mehr uferte das Spiel in ein erfrischend anarchisches Geflecht clusterartiger Liegeklänge mit energischen Einwürfen zwischen Saxophon, Stimmen und Instrumenten aus, um sich schliesslich durch das Abtreten von immer mehr Musikerinnen und Musikern von der Bühne aufzulösen.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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