Rolf De Marchi

Januar 10, 2010

Quirlige Trommelwirbel und pointillistische Klangflächen

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 7:10 pm

Im Verlaufe eines von der AMG organisierten dreitägigen Festivals präsentierte der 34jährige ungarischen Komponisten Márton Illés seine schillernde Musik.

Quirlig-schnell gespielte Trommelwirbel, mal unisono, mal verschoben hintereinander angeordnet von der linken Seite der Bühne zur rechten, dann wieder zurück wandernd, dominierten im Stück «Quartetto» für vier Schlagzeuger des 1975 in Budapest, Ungarn geborenen Pianisten und Komponisten Márton Illés. Eingestreut zwischen die auf Bongos und Tom Toms realisierten Trommelwirbel waren kurze, pointillistisch anmutende Klangflächen und komprimierte, an intensive Rock-Rhythmen erinnernde Strukturen zu hören.
Dankbar sei er, dass die Allgemeine Musikgesellschaft Basel das «Risiko» eingegangen sei, einem noch wenig bekannten, jungen Komponisten Neuer Musik wie ihm ein kleines Festival zu widmen, meinte Márton Illés zu Beginn des ersten Konzerts dieses Events, wo dessen Komposition «Quartetto» im Foyer des Theaters Basel zu Aufführung gelangte. Dass allerdings dieses Risiko so gross nicht war, bewies das zahlreich zu den Konzerten erschiene Publikum, das alle jene Kleingeister Lügen strafte, die behaupten, die Basler Konzertbesucher seien nicht an Neuer Musik interessiert.
Es folgte an diesem Abend ein Potpourri weiterer Werke des Komponisten wie das zwischen wirbelnden Tonschlieren und hart gehämmerten Akkorden pendelnde «Torso II» für Klavier, das vom Illés selber interpretiert wurde, die zwischen freier Melodik und nervösem elektronischem Gestrüpp changierende «Scene polidimensionali XII» für Klavier und Elektronik, das mal zerbrechlich wirkende, dann chaotisch vorwärtsdrängende «Introludio» für Klarinette und vier Schlagzeuger sowie das fiebrig drängende «Vonalterek - Linienräume» für Klarinette, Viola und Klavier.
Das abschliessende Werk des Abends «Ballada», eine ungarische Volksballade für Mezzosopran und vier Schlagzeuger wurde nicht wie vorgesehen von der erkrankten Sängerin Katalin Polgar interpretiert, sondern vom Klarinettist Kyrill Rybakow in einer vom Komponisten angepassten Version. Eingestreut zwischen Márton Illés Werken waren Stücke von François Couperin (1668-1733) aus dessen Klavierbuch «Pièces de clavecin» zu hören, die Illés für Klarinette, Viola und Klavier instrumentiert hatte.
Im anschliessenden Künstlergespräch mit Gesprächsleiter Mark Sattler, Verantwortlicher für die Neue Musik beim Lucerne Festival, erfuhr man von Márton Illés, dass er nach seiner musikalischen Grundausbildung in Ungarn auch ein paar Jahre an der Musikhochschule Basel bei László Gyimesi (Piano) und Detlev Müller-Siemens (Komposition) studiert hatte. Sein Kompositionsstudium abgerundet hat er unter anderen bei der Koryphäe Wolfgang Rihm in Karlsruhe und in einem Seminar des Ensemble Modern unter der Leitung von Helmuth Lachenmann in Frankfurt.
Im Laufe dieser Studienjahre hat Márton Illés einen eigenen Kompositionsstil entwickelt, der ein wenig an die Polyphonie der Renaissance erinnert, in der einzelne Stimmen als Linien mit eigener rhythmischer Identität und individuellen musikalischen Spannungsverläufen kombiniert und zu kompakt strukturierten Klangfeldern verdichtet werden. Im Unterschied zur klassischen Polyphonie allerdings behält beim Zusammenspiel jede dieser Linen über weite Strecken ihre rhythmische Unabhängigkeit, dank der es zu Unschärfen kommt, die die zur Einheit verschmolzene Musik organisch wirken lassen.
Im zweiten Konzert am folgenden Tag, das unter dem Schlagwort «Wahlverwandtschaften» stand, kam neben den vom Minguet Quartett interpretierten Stücken für Streichquartett «Vonalmezök - Linienfelder» und «Torso V» das für Klavierquintett konzipierte «Torso polidimensionale» zu Gehör. Des weiteren interpretierte das Minguet Quartett noch ungemein einfühlsam Elliott Carters String Quartet No. 5 sowie dessen emotionalen Tiefen adäquat auslotend Leoš Janáčeks Streichquartett Nr. 1.
Im dritten der Klarinette gewidmeten Konzert schliesslich gelangten neben zwei auf historischen Bassetthörnern gespielten Divertimenti von Wolfgang Amadé Mozart und drei Werken von Márton Illés noch die Variationen über einen Gedanken von György Kurták für sechs Klarinetten des in Berlin lebenden amerikanischen Komponisten Sidney Corbett zur Uraufführung.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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