Rolf De Marchi

Januar 24, 2011

Das atmende Klarsein

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:54 am

Gare du Nord Basel / Der Chor Cappella Nova interpretierte Musik italienischer Komponisten, die Pianisten Katharina Weber und Philip Thomas spielten englische und amerikanische Klaviermusik.

Dass der auf Neue Musik spezialisierte Chor Cappella Nova bei seinem Konzert in der Gare du Nord Basel neben dem zentralen Werk «Das atmende Klarsein» für kleinen Chor, Bassflöte, Live-Elektronik und Tonband (1981) des italienischen Komponisten Luigi Nono (1924-1990) auch zwei Werke alter Meister zu Gehör brachte, war kein Zufall. Sowohl Carlo Gesualdo (1566-1613) als auch Claudio Monteverdi (1567-1643) waren je auf ihre Weise musikalische Revolutionäre der Musik um 1600, mit deren Werk sich Nono intensiv beschäftigte. Beide Komponisten hatten den gleichen Text «Luci serene e chiare» zur Vertonung von Madrigalen verwendet, die die 2005 gegründete, zwölf Köpfe zählende Cappella Nova adäquat intonierte.
Den grössten Teil des Abends allerdings nahm Nonos Chorwerk «Das atmende Klarsein» ein. Ordentlich zu überzeugen vermochte der unter der Leitung seines Gründers Raphael Immoos stehende Chor durch Klangschönheit und seiner räumlichen Transparenz in den Stimmen, wenngleich vor allem die Sopranstimmen durch leichte Intonationstrübungen und durch unsichere Einsätzen bei den häufigen Pianostellen das Bild etwas trübten. Kontrastiert wurden die eher fragil gestalteten Chorpartien durch kürzere Passagen, in denen das Mitglied des Ensemble Phoenix Basel Christoph Bösch seiner Bassflöte zwischen ausdrucksstark gestalteten Tonfiguren sphärische Obertöne, tonlose Blasgeräusche, mit Flatterzunge gespielte Klänge als auch nervös tickende Klappengeräusche entlockte. Sowohl der Gesang als auch das Flötenspiel wurden durch unaufdringliche Live-Elektronik eines Tonbandes und Computers gesteuert von Thomas Peter modifiziert und unterstütz.

Rauschartige Klavierklänge

Der anschliessende Abend in der Gare du Nord war umfänglich neuer Klaviermusik aus England und den USA mit teils politischen Bezügen gewidmet. So beispielsweise die «First Political Agenda» (1989-2006) des Britischen Komponisten Michael Finnissy (1948), ein Werk, in dem der Autor seine Erfahrungen bezüglich Unterdrückung, Aussenseitertum und Ausländer musikalisch verarbeitete. Fesselnd und mit kreativem Gestaltungssinn gestaltete die Berner Pianistin Katharina Weber diese bilderreiche Musik aus. Mal waren da impressionistisch anmutende weit gespannte Akkordprogressionen zu hören, dann wiederum tippte die Pianistin mit viel Pedal verwischte, pointillistisch gestaltete Tonfragmente über die gesamte Tastatur ihres Instruments. Schlängelnden Tonketten folgten bewegten Tonfeldern, wild angelegten Klangmassen schlossen sich schraubenartig im höher drehende Tonmotive an. Der kreativen Fantasie dieses Komponisten schienen keine Grenzen gesetzt.
Fast schon improvisatorische Ansätze waren im Werk «For Pianist» (1959) des amerikanischen Komponisten Christian Wolff (1934) zu vermerken, das vom Britischen Pianisten Philip Thomas interpretiert wurde. Neben genau Festgelegtem überlässt diese Komposition die Wahl der verschiedenen Parameter wie Klangfarbe, Tonhöhe oder Lautstärke oft dem Interpreten, eine Aufgabe, die der Pianist souverän löste. Affektiv gestaltete Einzelbilder mit zarten Anklängen an die Musik der Romantik waren da zu hören. Ein eher überraschender Umstand, wenn man bedenkt, dass der Komponist Christian Wolff dem Dunstkreis des radikalen Avantgardisten John Cage zugerechnet wird.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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