Rolf De Marchi

Juni 24, 2012

Faszinierende Rituale einer vielfältigen Subkultur

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 3:46 pm

Mit einem reich befrachteten Programm mit 25 Bands bot das Festival «Earshakerday» in der St. Jakobshalle einen abwechslungsreichen Einblick in die stilistisch vielfältige Metal Music-Szene.

Gemäss Vorschriften des Bundesamts für Gesundheit BAG dürfen Schallpegel an einem Konzert «100 Dezibel (dB) kurzfristig überschreiten, wenn sie vorher oder nachher 100 dB unterschreiten». Diese Anordnung lässt echte Metal-Fans kalt wie man am vergangenen Wochenende in der Basler St. Jakobshalle erfahren konnte. Mit eher kurzfristigen ‚Unterschreitungen’ spielten da sämtliche Bands anlässlich des Metal Festivals «Earshakerday» (nomen est omen) nahezu konstant mit auf dem Smartphone gemessenen 110 dB mit Spitzenwerten bis zu 115 dB, wobei man bedenken muss, dass Dezibel logarithmisch gemessen werden; 3 dB mehr verdoppelt die Lautstärke!
Sage und schreibe 25 Bands verteilt auf zwei Bühnen waren von den Organisatoren dieses Festivals in dreizehn Stunden Musik vom Mittag bis nach Mitternacht gedrückt worden, was bedingte, dass die Bands bei ihren Auftritten kaum 45 Minuten Spieldauern zur Verfügung hatten. Weniger wäre da möglicherweise mehr gewesen, liessen doch die vielen langen Umbaupausen, die letztlich näherungsweise so viel Zeit in Anspruch nahmen wie die Musik selber, gelegentlich fühlbaren Unmut unter den Fans aufkommen.
Immerhin war es den glühendsten Anhängern möglich, währen den Pausen in der grossen Halle durch enge Gänge in den hinteren Bereich des Gebäudes zu pilgern, um sich dort in der wesentlich kleineren zweiten Halle mit weiteren Acts die Ohren vollzudröhnen. Andere wiederum zogen sich in den Vorhallen eine Bratwurst rein oder schlenderten an den Verkaufsständen vorbei, wo bis unter das Kinn tätowierte Verkäufer zum Anlass passende T-Shirts und CDs verkauften. Mehr noch aber die langen Wartezeiten totschlagen liess sich durch das Bestaunen der meist in düsterem Schwarz gewandeten Fans mit ihren teilweise ziemlich martialisch wirkenden Outfits und ihren T-Shirts mit Sprüchen wie «Ich bin die Rache Gottes», «We’re all gonna die» oder «The Darkest Hour».
Und wenn dann nach den ständig sich wiederholenden Soundchecks die Bands mit ihren vielsagenden Namen wie «Devil Driver», «Killswitch Engage», «I Killed The Promqueen», «Sick Of It All» oder «Napalm Death» schliesslich loslegten, strömte das Volk zurück in die Hallen, um den Musik-Recken zuzujubeln. Die US-amerikanische Metalcore-Band «August Burns Red» beispielsweise startete im Dunkeln mit einem immer lauter werdenden, wummernden Sound, der schliesslich den Boden wie bei einem Erdbeben erzittern liess. Die Scheinwerfer gleissten auf und innert Sekunden verwandelte sich die grosse Halle in einen Hexenkessel; für die Ohren eines aussenstehenden Durchschnittsschweizers die musikalische Apokalypse, für die zahlreichen Metal-Fans aber der siebte Himmel!
Mit seinen unglaublich schnellen Doppelpedalen wuchtete Drummer Matt Greiner auf seiner Bass Drum maschinenartig gehämmerte Rhythmen in den Raum, über die der Bassist Dustin Davidson in Folge der grossen Lautstärke schwer definierbare Basslinien legte, die die Magengrube aufwühlten. Dazu kamen extrem verzehrte, ständig sich wiederholte Gitarrenriffs von JB Brubaker und Brent Rambler sowie über alle dem der unvermeidliche, mit höchstem Kraftakt vollzogene, in tiefsten Lagen röhrende Gesang von Jake Luhrs; was begehrt ein Metal-Herz mehr?
Aber auch vor der Bühne begann es mehr und mehr zu brodeln. Wie unter einem Kraftfeld gerieten unter der anfänglich ruhigen Menge immer mehr Körper in Bewegung, hüpften in die Höhe, liessen ihre wilden, langen Mähnen um ihre Köpfe kreisen oder schwenkten die tätowierten Arme in die Höhe, schwitzten, stiessen, rempelten und gerieten massenhaft in Bewegung; infernalisch wirkende, faszinierend anzuschauende Rituale einer vielfältigen Subkultur.

Erschienen in der Basellandschaftlichen Zeitung

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