Rolf De Marchi

Februar 27, 2017

Humor als Katalysator

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 1:27 am

Die Riviera Jazz Connection überzeugte nicht nur musikalisch, sie gewann ihr Publikum auch durch Humor und Charme.

Für gute Musik ist Humor keine zwingende Vorraussetzung. Schaden tut er aber auch nicht, im Gegenteil, er kann sogar als Katalysator dienen. Dass diese Behauptung stimmt, bewies die Jazzband Riviera Jazz Connection anlässlich eines Konzertes im Schützen Kulturkeller in Rheinfelden. Mit ihrer erfrischend humorvollen Art eroberten die sechs Musiker die Herzen ihres Publikums im Fluge. Der Abend wurde vom Verein “Ja-ZZ“ durchgeführt, der schon seit Jahren im Schützen Kulturkeller als Konzertveranstalter Gastrecht geniesst.
Die Riviera Jazz Connection wurde 2005 in Montreux gegründete und hat sich auf den klassischen Jazz des frühen 20. Jahrhunderts spezialisiert. New Orleans, Charleston, Blues und Swing hin bis zum Creole Jazz finden Eingang in ihr Repertoire. Dabei bemüht sich die Band, weniger ausgetretene Pfade zu beschreiten und nicht die immer gleichen Stücke ihrer grossen Vorbilder zu spielen. So spielte die Band von Louis Armstrong etwa das weniger bekannte „Mac The Knife“ oder das selten zu hörende „Ce monsieur qui parle“ von Sidney Bechet.
Besonders gelungen aber waren von der Band selber erstellte Arrangements wie etwa das Walliser Volkslied „La haute sur la montagne“, das die Band mit einem kräftigen Schuss Latin-Sound aufmischte. Gut gewürzt mit humorvollen Glossen und kleinen, slapstickartigen Gesangseinlagen spielte die Connection dieses populäre Volkslied. Dabei kamen auch die musikalischen Aspekte nicht zu kurz: Bassist Patrick Perrier und Schlagzeuger Gianni Solinas legten die solide Basis, Pianist Paul Kapp und Gitarrist und Banjospieler Pierre Ponnaz setzten das stützende harmonische Gerüst und die beiden Solisten - an der Trompete und dem Flügelhorn Denis Michel sowie auf der Klarinette und den Saxophonen Marc Sturzenegger - gaben der Musik der Riviera Jazz Connection Substanz und architektonisches Raffinement.

Februar 23, 2017

Eine Stimme wie ein Truck

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:48 am

Die rührige Basler Konzertvereinigung Groove Now präsentierte im legendären Basler Restaurant Atlantis «The Blues Giants» mit dem Sänger Sugaray Rayford, den Gitarristen Mike Zito und Albert Castiglia, dem Bassisten Willie J. Campbell und dem Drummer Jimi Bott.

«This is not a concert, this is a party!» Diesen Satz rief Bluesmann Sugaray Rayford mehrmals in den Raum des vollbesetzten Basler Restaurant Atlantis. Und das Publikum nahm sich dies zu Herzen, beziehungsweise in die Beine. Wie einst in den grossen Tagen des «Tis» stieg die Stimmung und das Konzert von «The Blues Giants» entwickelte sich tatsächlich mehr und mehr zu einer Party.

Doch schön der Reihe nach: Seit ein paar Jahren organisiert «Groove Now» hochstehende Konzerte mit Hauptgewicht Blues und Soul in Basel. Anfänglich gingen die Konzerte im Sudhaus Warteck über die Bühne, dann wechselte der Veranstalter in den grossen Saal des Volkshauses Basel. Dieser Saal überzeugt zwar durch seine gute Akustik, seine kühle, etwas distanzierte Atmosphäre aber kommt dem Blues nicht gerade entgegen, schreit dieser Musikstil doch förmlich nach Intimität und Geborgenheit einer Bar oder eines überschaubaren Musikclubs.

Kein Ort in Basel ist besser geeignet für den Blues als das legendäre Atlantis. Vor allem in den 1970er- und 1980er-Jahren erlebte das «Tis», wie die Basler Musikfans dieses Lokal liebevoll nennen, seine Hochblüte als Musikclub und hatte unter Bands einen klangvollen Namen. Aus ganz Europa, ja selbst aus den USA strömten die Bands der damaligen Clubszene nach Basel, um im Tis zu spielen. Doch dann, in den 1990ern erfolgte der langsame Niedergang, bis der Club die Konzerte einstellte und zu einem Tanzschuppen degradiert wurde. 2007 keimte wieder Hoffnung auf. Das Lokal wurde renoviert und zum Restaurant und Eventlokal von heute umgestaltet.

Schliesslich hatte Groove Now die zündende Idee: Das Atlantis ist der ideale Ort für Soul und Blues, warum also nicht die Konzerte dort organisieren? Gedacht, getan. Groove Now und die Leitung vom Atlantis setzten sich zusammen und nach zähen Verhandlungen wurde man sich einig: Der Veranstalter verlässt das Volkshaus Basel und führt seine Konzerte ab Januar 2017 im Atlantis durch. Und da das Lokal wesentlich weniger Plätze zu Verfügung hat (maximal 250 Personen) als das Volkshaus (maximal 1′300 Personen), finden die Konzerte in Zukunft an zwei Abenden hintereinander statt, was übrigens für die Musikfans auch ihren Vorteil hat. Sie haben nun zwei Daten für den Konzertbesuch zur Verfügung, was eine grössere Flexibilität in der Agenda ermöglicht.

Seit Wochen schon fieberten die Liebhaber des Soul und Blues weit über Basel hinaus dem Eröffnungskonzert von Groove Now im Basler Restaurant Atlantis entgegen. Und sie wurden nicht enttäuscht. Das für so ein Event nur das Beste vom Besen in Frage kommt, liegt auf der Hand: «The Blues Giants» mit dem Sänger Sugaray Rayford, den Gitarristen Mike Zito und Albert Castiglia, dem Bassisten Willie J. Campbell und dem Drummer Jimi Bott.

Welcher dieser Musiker wie viele Blues Awards gewonnen hat und wer mit wem, wie viele Male gespielt hat, damit wollen wir gar nicht erst anfangen, die Liste wäre schier endlos. Daher gleich zum Konzert: Die alles dominierende Figur auf der Bühne war ohne Zweifel Sänger Sugaray Rayford. Allein seine physische Präsenz ist phänomenal. Mächtig wie Berg, hüpfte und tänzelte der grosse, schwere Mann wiederholt über die Bühne und wackelte mit den Hüften wie es Elvis Presley nicht besser hingekriegt hätte. Und seine Stimme erst: Mächtig wie ein Truck, der auch auf engsten Landstrassen geschickt zu fahren versteht. Vor allem in den Soul-Balladen erreichte der Sänger mit seiner dunklen, ausdrucksvollen Stimme eine emotionale Tiefe, die ihresgleichen sucht.

An Rayfords Seite stand Mike Zito mit einem glasklaren Sound auf seiner Gitarre. Mit konzentrierter Präzision und stupender Fingertechnik setzte er seine intelligenten Riffs und Licks, wobei es ihm immer gelang, die Balance zwischen Technik und musikalischer Kreativität zu wahren.

Diese Ausgewogenheit zu finden, glückte dem zweiten Gitarristen auf der Bühne, Albert Castiglia weniger. Auch er ein begnadeter Fingertechniker, der sich allerdings öfters in seinen phänomenal schnell gespielten Wiederholungen von Figuren und Arpeggien verlor, worunter der emotionale Ausdruck zu leiden hatte. Zugegeben, «Less is more» ist ein Klischee, in dem aber ein grosses Körnchen Wahrheit steckt.

Für die Rhythmusgruppe mit Bassist Willie J. Campbell und Drummer Jimi Bott gibt es keinen Superlativ, der auch nur annähernd die Leistung dieser Musiker beschreiben könnte. Die Beiden spielten mit der Präzision eines Schweizer Uhrwerks, dabei hoch konzentriert und flexibel, um jederzeit auf das Spiel ihrer Mitmusiker adäquat reagieren zu können.

Am Ende dieses gelungenen Abends verliessen 250 glückliche Basler Musikfans das Lokal. Nach zwei dunklen Dekaden hat das «Tis» zu seiner wahren Bestimmung zurückgefunden: Eines der besten Musiklokale der Schweiz zu sein!

Erschienen unter https://www.bluesnews.ch/

Februar 8, 2017

Der mit dem Bass tanzt

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 11:28 am

Zusammen mit seinem Quintett verschmolz der Bassist Omer Avital gekonnt die Musik seiner Heimat Israel mit dem modernen Jazz.

Die meisten Musiker bewegen sich beim Spielen ihres Instruments, das ist an sich nichts ungewöhnliches. Dass aber ein Musiker mit seinem Instrument tanzt, ist doch eher die Ausnahme. Bei seinem Konzert im Schützen Kulturkeller in Rheinfelden, das vom Jazzclub Q4 organisiert wurde, tanzte der heute in New York lebende Israeli Omer Avital mit seinem Kontrabass und versprühte Lebensfreude. Dies hatte möglicherweise auch damit zu tun, dass im modernen Jazz, den das Quintett spielte, immer wieder orientalisch anmutende Motive auftauchten, die an Avitals Heimat Israel erinnerten. Aber auch der Klezmer, die beschwingte Musik des osteuropäischen Judentums war immer wieder präsent.
Omer Avital zur Seite standen vier Musiker, die auf absolutem Topniveau spielten. Mit Perfektion interpretierten die beiden Saxophonisten Asaf Yuria und Alexander Levin Stücke wie „Turkish Coffee“ oder „The Beauty and the Beast“. Ausgeklügelte Kompositionen waren das, bei denen die beiden Musiker mal zweistimmig zusammen spielten, mal sich gegenseitig raffiniert verzahnte Motive zuwarfen.
Nicht minder kreativ auch der Pianist der Band, Eden
Ladin, von dem man Akkordverbindungen und Harmonien zu hören bekam, die vermuten lassen, dass er nicht nur den Jazz gut kennt. Auch die Klaviermusik eines Robert Schumann oder eines Claude Debussy dürften ihm vertraut sein. Schlagzeuger Ofri Nehemya überzeugte vor allem durch Solidität. Mit klug gesetzten Akzentuierungen belebte er das rhythmische Geschehen, wobei er aber nie das Mass aus den Augen verlor.
Bandleader Omer Avital hatte mal in einem Interview erklärt, dass er Melodien liebe. Er tanzte nicht nur mit seinem grossen Bass, er brachte ihn auch zum Singen.

November 18, 2016

Christoph Alispach - Diskreter Schirmherr des Schweizer Rock

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 2:56 am

Christoph Alispach wurde 1951 geboren. Heimatberechtigt in der Baselbieter Gemeinde Hemmingen, wuchs er in Arlesheim auf, um schliesslich nach Basel zu ziehen, wo er bis heute lebt. In den 1970er-Jahren arbeitete Alispach als junger Mann für die Tageszeitung Basler Nachrichten als freier Journalist. Schliesslich wurde das Schweizer Radio auf den Journalisten mit seinem grossen Wissen über die aktuelle Pop- und Rockmusikszene aufmerksam und stellte ihn ein. Ab 1983 war Christoph Alispach bis zu seiner Pensionierung im vergangenen Mai 2016 als massgeblicher Redaktor an der Programmgestaltung von Radio DRS 3 beteiligt.

RDM: Christoph Alispach, die Rockmusik war zeitlebens deine grosse Leidenschaft. Wie kam das?

Ich bin ein typisches 60er-Jahre-Kind und gehöre zur Beatles-Generation. Die 1960er-Jahre waren musikalisch gesehen eine unheimlich kreative Zeit in die ich hineingewachsen bin. Ich fing nicht zuletzt wegen Ringo Starr, dem Drummer der Beatles an Schlagzeug zu spielen und stand bald mit meiner eigenen Band auf den Bühnen der Region.

RDM: 1967 warst du 16 Jahre alt. Zu dieser Zeit wurde am Schweizer Radio nicht eine Minute Musik für die Jungen gesendet. Fühltest du dich da als junger, begeisterter Rock-Fan nicht benachteiligt?

Nicht wirklich. Zu dieser Zeit gab es im Ausland ein paar gute Radiostationen, die informative Rock-Sendungen machten. Die tägliche Sendung „Salut les copains“ auf dem französischen Radio Europe n°1 zum Beispiel. Aber auch Radio Luxembourg (heute RTL) war eine gute Adresse für coolen Sound. Dann noch der „Beatclub“, eine monatliche Sendung am Deutschen Fernsehen mit echt gespielter Live-Musik deutscher, englischer und amerikanischer Bands war immer ein fester Termin in der Agenda. Schliesslich die hervorragende englische Rock-Zeitschrift „Melody Maker“, die ich wöchentlich am Kiosk kaufte, nein, ich fühlte mich nicht uninformiert zu dieser Zeit.

RDM: Dann startete 1968 das Schweizer Radio mit der wöchentlich gesendeten Hitparade. Verbesserte dies die Situation?

Das war nicht sehr befriedigend. Es standen nur 30 Minuten zur Verfügung und 10 Songs wurden gesendet. Das ging natürlich nur, wenn man die meisten der Stücke nach zwei, drei Minuten ausblendete.

RDM: Und in den 1970er-Jahren?

Nicht viel besser. Trotz zweier Sendeketten (DRS 1 und DRS 2) stand der Rockmusik im Sendegefäss „Sounds“ gerade mal 45 Minuten täglich zu Verfügung. Die Musik der Jugend wurde zu dieser Zeit vom Schweizer Radio nicht genügend wahrgenommen.

RDM: Dann stiesst du zu Radio DRS.

In den 1970er-Jahren war ich als freier Journalist mit Schwergewicht Sport und Musik bei der Tageszeitung Basler Nachrichten tätig. Ende der 70er-Jahre veranstaltete Radio DRS dann eine Talksendung, für die ein Spezialist für Rockmusik benötigt wurde. Da kamen sie auf mich und so wie’s aussieht habe ich da keinen schlechten Job gemacht. Jedenfalls holten sie mich dann immer öfter für solche Talksendungen und mit der Zeit begann ich auch als Freischaffender, einzelne Sendungen zu moderieren, bis ich schliesslich eine Festanstellung bekam.

RDM: 1979 war ein wichtiges Jahr für DRS3.

In diesem Jahr richtete Roger Schawinski auf dem italienischen Pizzo Groppera nahe der Schweizer Grenze das Radio 24 ein. Der Sender brachte den ganzen Tag Musik für eine junge Hörerschaft. Die Sendeanlage war sehr stark und konnte bis in den Raum Zürich empfangen werden. Nach italienischem Recht war Radio 24 legal, aus Sicht der Schweizer Behörden aber war das ein Piratensender, gegen den sie mit allen rechtlichen Mitteln vorgingen. Der Versuch, den Sender zu stoppen, scheiterte allerdings am mangelnden Entgegenkommen der Italiener.

RDM: Und wie kam damals Radio 24 bei euch im Radio DRS an?

Bei der Direktion von Radio DRS kam Schawinsky cleverer Coup logischerweise nicht so gut an, wir Radiomacher an der Basis allerdings fanden es toll, dass endlich einmal jemand die Initiative für die jungen Musik-Fans in der Schweiz ergriff. Wir spürten, dass da was in Bewegung kam. Radio DRS und die Politik kam dadurch immer mehr unter Druck, was schliesslich 1983 zur Freigabe des Schweizer Äthers für Privatradios und zur Einrichtung von DRS 3 führte. Nachdem sich die Direktion dazu durchgerungen hatte, DRS 3 einzurichten, begannen wir sofort, junge, talentierte Leute zu suchen, um die stark angewachsenen Sendezeit zu füllen. Christian Heeb ging weg zu Radio Basilisk, dafür gewannen wir neue gute Mitarbeiter wie Urs Musfeld oder Niggi Freundlieb.

RDM: Die Basler waren bei Radio DRS/SRF immer dominant vertreten. Woran lag das?

Die abendliche Sendung Sounds, die wochentags Neuigkeiten als allen Sparten der Rockmusik präsentiert, wurde 1976 von Christoph Schwegler in Basel ‚erfunden’. François Mürner machte damals die Moderation. Mit der Zeit rutschten dann weitere Basler wie Martin Schäfer, Urs Musfeld, Niggi Freundlieb und ich nach, die eine wesentliche Rolle bei der Ausgestaltung und Moderation von Sounds als Speerspitze von DRS/SRF 3 gespielt hatten.

RDM: Mit der Zeit bildete sich ein Kern von gestandenen Mitarbeitern heraus, die DRS/SRF 3 über Jahrzehnte die Treue hielten. Gab’s da nie die Versuchung, ins Privatradio oder zum Fernsehen abzuwandern?

Natürlich gab es damals 1983, als die Privatradios in den Äther gingen, für alle unsere Mitarbeiter nicht wenige Angebote. Aber einerseits ist Radio SRF ein guter Arbeitgeber: der Lohn ist in Ordnung, die Sozialleistungen sind okay und der Arbeitsplatz ist sicher, sofern man seine Job gut macht. Dazu kam, dass alle Mitarbeiter individuelle Charakteren mit unterschiedlichen musikalischen Interessen waren. Martin Schäfer zu Beispiel war und ist der Bob Dylan-Experte und hatte sich auf den Blues spezialisiert. Andere kamen aus der Jazzrock-, Funk- oder Rap-Ecke. Mein Metier war der Rock mit allen seinen Facetten. Mit der Zeit bildete sich ein tolles Team heraus, das, von gelegentlichen kleineren Reibereien mal abgesehen, hervorragend zusammenarbeitete. In solch einer Atmosphäre Radiosendungen zu gestalten und zu moderieren, machte Spass, das wollte man nicht einfach aufgeben.
Des weiteren hatten wir in einem relativ weitgespannten Rahmen viel Freiheit bei der Ausgestaltung der Sendungen. Okay, es gab bei der Musikauswahl ein paar kleinere Restriktionen, ein zweistündiges Rock Spezial mit ausschliesslich Death Metall lag da natürlich nicht drin. Aber in der von mir initiierte Sendung «Pop Routes» zum Beispiel, die ich die letzten zwei Jahre betreut hatte, da war ich in der Themenwahl total frei und unabhängig. Die Privatsender dagegen mit ihrer Werbung sind da wesentlich strikteren Einschränkungen ausgesetzt. Die arbeiteten von Anfang an mit Computersystemen, die sie mit eher weichgespülten Songs füttern mussten, die beim Publikum nicht anecken. Ich versteh das, aber gereizt hat mich das nicht sonderlich.

RDM: Aber lässt sich diese Entwicklung nicht auch seit längerem bei SRF 3 beobachten?

Ja, leider, zumindest tagsüber. Dieses ständige Starren auf die Einschaltquoten finde ich bedauerlich. Da könnte ja jemandem bei der Hausarbeit beim Abspielen eines schrägeren Songs mit Ecken und Kanten das Bügeleisen auf die Füsse fallen.

RDM: Und wie lief das mit der Programmgestaltung?

Gelegentlich flogen da schon mal die Fetzen. Alle Mitarbeiter waren individuelle Charakteren mit unterschiedlichen musikalischen Interessen. Aber auch wenn wir uns gelegentlich nicht sofort einig waren, wuchsen wir mit der Zeit immer mehr zu einem festen Team zusammen, in dem alle das selbe Ziel hatten: unserem Publikum gute Musik näher zu bringen. Bei unseren wöchentlichen Telefonkonferenzen für die Playlists - das gab’s schon vor dem Computerzeitalter - brachten sowohl die Berner, die Zürcher und wir Basler unsere Vorschläge ein und wir rauften uns immer irgendwie zusammen. Dabei wurde stets darauf geachtet, dass alle persönlichen und regionalen Interessen berücksichtigt wurden.

RDM: Im Laufe deiner Tätigkeit für Radio SRF hast du vermutlich auch einige skurrile Erfahrungen gemacht.

Oh ja, viele! Da fällt mit spontan ein zehnminütiges Interview ein, das ich mit Mike Jagger anlässlich dem Beginn einer Europa Tour der Rolling Stones in Göteborg führen durfte. Schon nur bei der Begrüssung fielen 2 Minuten weg und bei den wenigen weiteren Fragen konnte da natürlich nicht in die Tiefe gebohrt werden. Und während wir am Zusammenpacken des Equipments waren, kam die Garderobefrau herein und reicht Mike ein frisch gebügeltes Hemd, das sich der Sänger für das nächste Interview anzog.
Besonders gut ist mir auch ein Gespräch mit Ringo Starr in Erinnerung. Das war für mich als Beatle-Fan der ersten Stunde, der nicht zuletzt auch wegen ihm Schlagzeug spielen lernte, eine grossartige Sache. Der Mann ist die Güte in Person und ein äusserst angenehmer Gesprächspartner.
Schliesslich noch die Begegnung mit dem britischen Filmkomiker Marty Feldmann. Bekanntlich hatte der 1982 verstobene Komiker ein Glasauge. Da wurden mein Kollege Paul Burkhalter und ich nach Frankfurt geflogen und in eine mega teure Hotelsuite geführt. Marty kam auf uns zu und wir wurden ihm vorgestellt. Darauf gab mir der Schauspieler die Hand und sagte: «Hi Paul!». Es folgte eine kurze künstlerische Pause, dann sagte er: «Sorry, wrong eye!».

RDM: Du warst auch bei der Gründung des Basler Rockfördervereins RFV dabei.

Francis Etique, vormals Sänger bei der Basler Rockband Trashcats, trat 1994 an mich heran, ob ich bei der Gründung eines Rockfördervereins für die Region Basel mitmachen würde. Ich hatte sofort zugesagt. Vor allem mit meinen vielen Verbindungen in die restliche Schweiz vermochte ich dem Verein zu helfen. So hatte ich beispielsweise in Bern Kontakt mit Higi Heilinger und Sam Mumenthaler, die die Berner Songtage organisiert hatten. Wir hatten die beiden zur Gründung des RFV eingeladen. Ihre Ausführungen inspirierten uns, in Basel ein ähnliches Festival durchzuführen. 1997 organisierten der RFV das erste, zweitägige BScene Clubfestival, in dem in verschiedenen Musikclubs der Stadt vorwiegend junge Basler Bands zeigen konnten, was sie drauf haben.

RDM: Die Basler Rockszene gilt als ziemlich heterogen.

Ja, da stimmt. Vor allem die Verteilung der Gelder, die wir nach vielen Gesprächen seitens der Stadt erhielten, lösten im RFV und unter den Musikern immer wieder Diskussionen aus. ,Warum bekommen die jetzt und wir nicht’ war die Frage, die immer wieder im Raum stand und die wir im Interesse aller unter einen Hut bringen mussten. Ein schwierige Aufgabe, die der RFV aber in all den Jahren immer zur allgemeinen Zufriedenheit lösen konnte.
Ich hatte mich im Verein auch regelmässig für die älteren Musiker der Szene eingesetzt. Natürlich bin ich auch in erster Linie für die Förderung junger Musiker und Bands, dabei sollten aber gestandene Musiker wie die Sänger Roli Frei und Pink Petrazzi oder der Bluesgitarrist Cla Nett nicht vergessen gehen. Diese Leute haben dreissig, vierzig Jahre durchgehalten und machen immer noch Musik. Auch die verdiene es, dass man sie nicht einfach in eine Ecke stellt. 1997 habe ich dann den RFV verlassen, weil ich der Meinung war, dass Jüngere diesen Job übernehmen sollten.

RDM: Und wie lebt es sich als Pensionär?

Wunderbar! Ich habe mehr Zeit, die ich mit meiner Frau verbringen kann. Auch um meine Musikprojekte kann ich mich jetzt intensiver kümmern. Vor allem dem Trio de Charme mit Gitarrist Sandro Chiesa und dem Bassisten Martin Kanwar kann ich mich jetzt vermehrt widmen. Da spielen wir Coversongs der 1960er, durchmischt mit Italo-Rock’n’Roll eines Adriano Celentano oder französische Songs eines Serge Gainsbourg. Auch Lesen tu ich viel. Jetzt endlich komme ich dazu, all die Musikbücher zu lesen, die sich in den vergangenen Jahren angestapelt haben. Ich geniesse das.

Christoph Alispach, ich danke dir für dieses Gespräch.

November 3, 2016

Unter Starkstrom

Abgelegt unter: Musik — rolf @ 12:12 pm

Im Schützen Kulturkeller in Rheinfelden überzeugte der US-amerikanische Saxophonist James Carter durch musikalische Originalität und eine stupende Fingertechnik.

Wie wenn er unter Starkstrom gesetzt worden wäre, so wirkte der amerikanische Saxophonist James Carter bei seinem Konzert mit seinem «Organ Trio» im Schützen Kulturkeller in Rheinfelden. Mit seinem gewaltigen, powergeladenen Ton auf seinem Tenorsaxophon füllte er den Raum oder er praktizierte das «Crowling», ein bei Saxophonisten beliebter Klangeffekt, wo beim Spielen der Töne gleichzeitig in das Instrument gesungen wird und der Sound des Saxophons seinen typisch heiseren Klang bekommt. Dabei schwenkte der Musiker sein Tenorsaxophon hin und her oder lies es über seinem Kopf kreisen, als wenn das relativ schwere Instrument leicht wie eine Daunenfeder wäre.
Der 47-jährige amerikanische Saxophonist James Carter wird zu den «Young Lions» gerechte, eine Gruppe äusserst talentierter Jazzmusiker, die sich ab den 1980er-Jahren als junge Talente um den Trompeter Wynton Marsalis scharrten. Die Lions sagten dem damals im Sterben liegenden Free Jazz den Kampf an und wandten sich wieder älteren Jazzstilen wie dem Bebop, dem Hard Bop und dem Modal-Jazz der 1960er-Jahren zu.
Hinsichtlich dieser Tatsache war es überraschend, wie weit Carter im Schützen in seinen Improvisationen den tonalen Raum spannte. Es kam wiederholt vor, dass der Saxophonist sämtliche harmonische Bindungen auflöste und sich in jenen Raum wagte, der von den Young Lions vehement abgelehnt wird: dem Free Jazz.
Bei seinem Konzert, das übrigens vom Rheinfelder Jazzclub Q4 organisiert worden war, wurde James Carter zentral von Gerard Gibbs auf der Hammondorgel unterstützt. Am meisten Bewunderung löste der Organist durch seine ungemein beweglichen Füsse aus, mit denen er die schnellsten und wildesten Basslinien mit swingender Präzision gestaltete. Den stützenden musikalischen Knochenbau des Trios bildete der junge Schlagzeuger Alex White, der mit seinem auf das Wesentliche konzentrierten Spiel den Interpretationen seiner beiden Mitmusiker den adäquaten rhythmischen Halt gab.

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